Die klassische Musik, dominiert von Namen wie Bach, Mozart und Beethoven, verbirgt eine faszinierende Welt: das Schaffen von Komponistinnen. Lange Zeit standen sie im Schatten ihrer männlichen Kollegen, doch ihre Musik ist kraftvoll, innovativ und verdient es, gehört zu werden. Dieser Artikel taucht ein in das Leben und Werk einiger dieser Frauen, allen voran Clara Schumann und Fanny Hensel, und zeigt, warum ihre Musik gerade heute so relevant ist. Wussten Sie, dass es ein eigenes Archiv für Komponistinnen gibt?
Ein Jahrhundert voller Hürden: Komponieren als Frau
Im 19. Jahrhundert, einer Zeit des musikalischen Aufbruchs, war es für Frauen ein Kampf, als Komponistin anerkannt zu werden. Die Gesellschaft erwartete von ihnen, sich auf die Rolle als Ehefrau und Mutter zu konzentrieren. Musik zu machen galt oft nur als hübsche “Zierde”, wie es Abraham Mendelssohn-Bartholdy, der Vater von Fanny Hensel, ausdrückte, und nicht als ernsthafter Beruf. Diese Ansicht, die in Quellen wie dem Artikel der DW deutlich wird, verschloss vielen talentierten Frauen den Weg in die professionelle Musikwelt.
Fanny Hensel: Zwischen Familientradition und künstlerischer Freiheit
Fanny Hensel, eine geborene Mendelssohn Bartholdy, ist ein bewegendes Beispiel für dieses Schicksal. Sie besaß die gleiche musikalische Genialität wie ihr Bruder Felix, erhielt die gleiche Ausbildung und schuf ein beeindruckendes Werk von über 450 Kompositionen. Dennoch blieben viele ihrer Stücke lange Zeit ungehört, wie die Mendelssohn Gesellschaft dokumentiert. Ihr Vater und ihr Bruder rieten ihr von einer öffentlichen Karriere ab – es schickte sich einfach nicht für eine Frau ihrer Zeit. Doch Fanny fand einen Weg, ihre Leidenschaft auszuleben: die legendären Sonntagsmusiken. Diese privaten Konzerte, die sie in ihrem Berliner Zuhause organisierte, wurden zu einem kulturellen Zentrum. Hier konnte sie ihre eigenen Werke präsentieren, dirigieren und am Klavier brillieren. Ihr Ehemann, der Künstler Wilhelm Hensel, unterstützte sie in ihrem Schaffen – eine Ausnahme in einer Zeit, in der Frauen in der Kunst oft ausgebremst wurden.
Clara Schumann: Ein Leben zwischen Virtuosität und Komposition
Clara Schumann, geborene Wieck, gehört zu den wenigen Komponistinnen jener Zeit, deren Name bis heute strahlt. Sie war nicht nur eine gefeierte Pianistin, sondern auch eine Komponistin von bemerkenswerter Tiefe, wie Prof. Dariusz Mikulski betont. Ihr Klavierkonzert in a-Moll ist ein kraftvolles Beispiel ihrer Kunst. Trotz ihres Erfolges stand sie oft im Schatten ihres Mannes Robert und ihres engen Freundes Johannes Brahms. Ihre Tagebücher und Briefe, die in der Library of Congress zugänglich sind, enthüllen ein Leben voller künstlerischer Leidenschaft und familiärer Herausforderungen.
Jenseits des Bekannten: Drei Komponistinnen im Detail
Doch die Welt der Komponistinnen ist viel größer als nur Clara und Fanny. Zahlreiche weitere Frauen schufen, oft unter widrigen Umständen, beeindruckende Musik, die es zu entdecken gilt. Lassen Sie uns drei dieser faszinierenden Persönlichkeiten näher betrachten:
Louise Farrenc: Akademische Pionierin mit romantischer Seele
Louise Farrenc, die als erste Frau eine Professur für Klavier am renommierten Pariser Konservatorium innehatte, musste sich gegen massive Vorurteile behaupten, wie das Orchester berichtet. Ihre Werke, geprägt von der klassischen Tradition, zeigen dennoch eine individuelle, romantische Note. Besonders interessant ist ihre Abwandlung der klassischen Sonatenform, bei der sie oft ein furioses Scherzo anstelle eines langsamen Satzes einsetzte – ein Ausdruck ihrer künstlerischen Eigenständigkeit.
Pauline Viardot-Garcia: Die singende Komponistin im Salon
Pauline Viardot-Garcia, nicht nur eine gefeierte Opernsängerin, sondern auch eine talentierte Komponistin, nutzte die gesellschaftlichen Salons des 19. Jahrhunderts geschickt als Bühne für ihre eigenen Werke. Anders als viele ihrer Zeitgenossinnen präsentierte sie dort vor allem ihre eigenen Kompositionen und schuf sich so ein einflussreiches Netzwerk, wie ebenfalls im Artikel von das Orchester nachzulesen ist.
Emilie Mayer: Der “weibliche Beethoven”?
Emilie Mayer, die zu Lebzeiten als “weiblicher Beethoven” gefeiert wurde, ist ein weiteres Beispiel für eine Komponistin, deren Werk eine Wiederentdeckung verdient. Ihre Musik, die in einer SWR Kultur Sendereihe vorgestellt wurde, zeigt eine beeindruckende Bandbreite und Tiefe.
Auf dem Weg zur Gleichstellung: Initiativen und Perspektiven
In den letzten Jahrzehnten hat ein Umdenken begonnen. Engagierte Musikwissenschaftler, Musikerinnen und Institutionen setzen sich für die Wiederentdeckung vergessener Komponistinnen ein. Das Komponistinnen-Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main leistet hierbei eine unschätzbare Arbeit.
Festivals und Medien
Festivals, wie das EntArteOpera-Festival in Wien, rücken die Werke dieser Frauen ins Rampenlicht, wie der Standard berichtet. Publikationen und Medien spielen eine entscheidende Rolle. Arno Lückers Buch “250 Komponistinnen” präsentiert eine beeindruckende Vielfalt, während Alben wie “Komponistinnen” ihre Musik zum Klingen bringen. Podcasts, wie der in Die Presse erwähnte, erreichen ein breites Publikum und wecken Neugier.
Aktuelle Zahlen und Trends
Obwohl die Gleichstellung in der klassischen Musik noch nicht erreicht ist, zeigen aktuelle Zahlen einen positiven Trend. oe1.ORF.at berichtete 2019 von einem deutlichen Anstieg der Dirigentinnen in den Top 100 und einer wachsenden Zahl aufgeführter zeitgenössischer Komponistinnen. Diese Entwicklung macht Mut und zeigt, dass sich das Bewusstsein für die Bedeutung von Komponistinnen verändert.
Ein Beispiel: Rachel Danziger van Embden
Die Geschichte von Rachel Danziger van Embden, einer Operettenkomponistin, deren Werk durch die Nationalsozialisten verfolgt wurde, verdeutlicht, wie viele musikalische Schätze noch darauf warten, entdeckt zu werden. Ihre Wiederentdeckung, beschrieben von Radio Prague International, ist ein Beispiel für die wichtige Arbeit von Forschern und Musikern.
Eine Zukunft für alle Stimmen: Ein Appell
Die Wiederentdeckung vergessener Komponistinnen ist mehr als nur eine Frage der historischen Gerechtigkeit. Sie bereichert unsere musikalische Gegenwart, erweitert unseren Horizont und bietet neue, inspirierende Perspektiven. Ihre Werke zeigen uns, dass die Musikgeschichte vielfältiger und reicher ist, als wir oft denken. Es ist an der Zeit, diesen Frauen zuzuhören, ihre Musik zu feiern und ihnen den Platz in der Musikgeschichte einzuräumen, der ihnen gebührt. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Zukunft der Musik allen Stimmen gehört – denn jede einzelne hat etwas Einzigartiges zu erzählen.